hartwigbenzler

8. Mai 1945f. - Auf den Straßen des Elends

Bericht von Charlotte Benzler, geb. Ulrich (1895-1977), Ehefrau des Gutsbesitzers Justus Benzler (1894-1957), über die Rückkehr an ihren Heimatort, dem Gut Laubnitz im Kreis Sorau/Niederlausitz, jenseits der Oder-Neiße-Grenze, im Sommer Juli 1945, nun in fremder sowjetrussischer und polnischer Hand, zusammen mit ihrem jüngsten, vierten Sohn, Hartwig Benzler (1928-2015). 

Charlotte Auguste Elwine Benzler geb. Ulrich (1895-1977), in ihrer Blütezeit als Gutsfrau zu Laubnitz/Kreis Sorau/Niederlausitz, Provinz Brandenburg/Deutsches Reich, heute in Polen gelegen, 20 Kilometer östlich von Forst/Brandenburg.
Charlotte Auguste Elwine Benzler geb. Ulrich (1895-1977), in ihrer Blütezeit als Gutsfrau zu Laubnitz/Kreis Sorau/Niederlausitz, Provinz Brandenburg/Deutsches Reich, heute in Polen gelegen, 20 Kilometer östlich von Forst/Brandenburg.

Auf, ab, auf, ab. Gehorsam läßt eine müde Menschenmenge das schwere Gepäck auf die Straße gleiten oder lädt es mühsam wieder auf die zermürbten Schultern. Mit vorgestreckter Pistole halten russische Soldaten Männer und Frauen in Schach, die nur ein Ziel kennen, in deren Augen nur ein Wunsch brennt, die Straße jenseits des Flusses zu erreichen, an deren Ufer sie nun schon Stunde auf Stunde in brennender Sonne hungrig, verdurstet warten, ob endlich die Passage über die Brücke freigegeben wird. Sie lassen Hohnlachen und Schikanen über sich ergehen, bereit, alles zu ertragen. Die Heimat ruft; sie hörten die Stimme Tag und Nacht. Und nun sind sie auf dem Wege.

Landkreis Sorau/Niederlausitz als Heimatkarte aus dem Jahre 1941, mit der Dorfgemeinde Laubnitz, nordwestlich der Kreisstadt Sorau. Im Westen des Landkreises die kreisfreie Stadt Forst, heute Grenzstadt zu Polen.
Landkreis Sorau/Niederlausitz als Heimatkarte aus dem Jahre 1941, mit der Dorfgemeinde Laubnitz, nordwestlich der Kreisstadt Sorau. Im Westen des Landkreises die kreisfreie Stadt Forst, heute Grenzstadt zu Polen.

Endlich das lang ersehnte Signal. In die Masse kommt Bewegung, und auch ich trete mit meinem Jungen den Marsch über die Brücke an, beseelt nur von einem Wunsch, wieder daheim zu sein. Ein kurzer Zug, eine Lokomotive und zwei Wagen warten am jenseitigen Ufer, zu wenig, um all die vielen zu fassen, die schneller ans Ziel kommen wollen. Wir haben Glück. Hilfreiche Hände strecken sich uns entgegen und ziehen uns auf den Tender. Ein schriller Pfiff, Funken zerstäuben und fallen als Ruß auf uns zurück. Wir fahren gen Osten.

Dumpf brütet die Sonne über dem Land. Es ist, als wollte sie ihr Strahlen verstecken, damit dem Auge verborgen bleibt, was ein wahnsinniger Krieg zerstörte. Der Zug stoppt. Zerrissene Gleise, gesprengte Brücken machen die Weiterfahrt unmöglich. Nun müssen wir wandern, weite Wege, gefährliche Wege, vogelfrei durch ein Land, das einst Vaterland war.

Hartwig Johann Anton Benzler (1928-2015), vierter und jüngster Sohn von Justus und Charlotte Benzler, in Marineuniform. Mit 16 Jahren wurde er für die letzten Wochen des Krieges eingezogen, überlebte das Kriegsende unversehrt auf Marinestützpunkten in Helgoland und Wilhelmshaven. Gestorben wäre er beinahe unter polnischer Hand im Sommer 1945 in seiner Heimatstadt Sorau, als er für diejenigen, die das Gut und das Land der seinigen geraubt hatten, Fronarbeit leisten mußte.
Hartwig Johann Anton Benzler (1928-2015), vierter und jüngster Sohn von Justus und Charlotte Benzler, in Marineuniform. Mit 16 Jahren wurde er für die letzten Wochen des Krieges eingezogen, überlebte das Kriegsende unversehrt auf Marinestützpunkten in Helgoland und Wilhelmshaven. Gestorben wäre er beinahe unter polnischer Hand im Sommer 1945 in seiner Heimatstadt Sorau, als er für diejenigen, die das Gut und das Land der seinigen geraubt hatten, Fronarbeit leisten mußte.

Geheimnisvoll raunen uns Mädchen Worte ins Ohr: Versteck’ Deinen Ranzen, zieh’ aus den Soldatenrock, meidet die Städte, habt acht auf die Häscher. Und mein Junge verbirgt, was ihm ein ruchlos’ Regime aufzwängte, ehe noch der Knabe zum Jüngling wurde. Sein blutjunges Gesicht verrät den Soldaten nicht mehr.

Regen durchweicht uns. Schwer lastet das Bündel auf Schulter und Nacken. Kam da nicht Glockengeläut von fern aus dem Dorf, dem wir entgegen wandern? Im Pfarrhaus sind Russen. Sie achten unserer nicht. Wir trocknen die Kleider an fremdem Herd, trinken verdurstend das kühlende Wasser, nicht achtend, ob uns der Tod dadurch droht. Hinter dem Hause am Zaune ein Karren, der uns die Last von den Schultern nimmt.

Die Wälder haben ihr Duften verloren. Gestank weht gespenstisch von hier und dort. Zertrümmerte Wagen, Flugzeuge, Kanonen. So mancher vermodert dort namenlos. Wer kennt die Zahl der toten Kämpfer, die einsam starben fürs Vaterland? Wer ahnt, was sie gelitten haben, eh' mancher von ihnen die Ruhe fand?

Jobst-Henrich Karl Hermann Benzler (1923-2014), ältester Sohn des Gutsehepaars Justus und Charlotte Benzler zu Laubnitz/Kreis Sorau. Nach der sowjetischen Gefangenschaft kam er als überzeugter Sozialdemokrat zurück, studierte Landwirtschaft, lebte in Engelbostel bei Hannover, zog mit seiner Frau Margrit drei Kinder groß und blieb mit ihr zusammen bis zu seinem Tod 2014. Seine Frau starb 80-jährig 2016.
Jobst-Henrich Karl Hermann Benzler (1923-2014), ältester Sohn des Gutsehepaars Justus und Charlotte Benzler zu Laubnitz/Kreis Sorau. Nach der sowjetischen Gefangenschaft kam er als überzeugter Sozialdemokrat zurück, studierte Landwirtschaft, lebte in Engelbostel bei Hannover, zog mit seiner Frau Margrit drei Kinder groß und blieb mit ihr zusammen bis zu seinem Tod 2014. Seine Frau starb 80-jährig 2016.

Ich denke an meinen großen Jungen, vermißt gleich jenen, die hier ruhn. Hat er die dunkle Pforte durchschritten und ist erlöst von der Erdennot? Gehört er zu jenen, die gelitten und einsam starben im Abendrot? 

Traurige Wirklichkeit weckt mich wieder, entgegen kommt uns neues Leid, das in seiner Unmenschlichkeit grauenvoll zum Himmel schreit. Mühsam schleifen auf Karren und Wagen Greise und Frauen und Kinder daher, was sie gehetzt, geplündert, geschlagen, als letzten Besitz gerettet haben. Ausgemergelt sind ihre Arme, die Muskeln gleich Strängen angespannt, mit hohlen Wangen, zerfetztem Gewand ziehen sie durch das weite Land, ruchlos vertrieben vom Heimatherd, als zerbrochen das deutsche Schwert. Frauen, vorzeitig ergraut das Haar. Greise, deren Sehnen Ruhe war, Kinder voll Staunen, daß eine Welt vor ihren Augen in Trümmer zerfällt. Wo werden Menschen zu finden sein, die ihnen helfen in ihrer Pein? Menschen, die freundlich zu ihnen sind, die Mitleid haben mit Frau und Kind? Die sie erquicken, Ruhe spenden, ihnen, die mit leeren Händen vor der Welt nun als Bettler stehn? 

Charlotte Benzler mit ihren vier Söhnen Jobst-Henrich, Wolfdietrich, Lutz und Hartwig während eines Sommerurlaubs auf der Nordseeinsel Langeoog Ende der 30er Jahre.
Charlotte Benzler mit ihren vier Söhnen Jobst-Henrich, Wolfdietrich, Lutz und Hartwig während eines Sommerurlaubs auf der Nordseeinsel Langeoog Ende der 30er Jahre.

Heimatlos! Wißt Ihr, die wohlgeborgen, was dieses dort in sich schließt ein? Ahnt Ihr die Nöte, die täglichen Sorgen, kennt Ihr die qualvoll fressende Pein, niemals nach Hause kommen zu können, immer ausgestoßen zu sein? Und Ihr Männer, für Euch beginnt trostloses Suchen nach Frau und Kind, wenn Ihr entlassen aus Feindeshand, findet verschlossen das Heimatland. Wahnsinn aus manchem Auge spricht, eh’ er am Wege zusammenbricht. Ängstlich beschwört man uns umzukehren, doch die Heimat läßt uns nicht los. Dem Zuge des Herzens kann man nicht wehren, verdoppelt werden die Kräfte bloß. Trotz der Bilder voll Not und Pein treibt uns der Wunsch, daheim zu sein.

Daheim?

Der Zug rollt über die Brücke, die, einst Verbindung, jetzt Welten trennt. Uniformierte Mädchen umsäumen die Gleise, fremde Laute treffen unser Ohr. Weit dehnt sich das Land im Reichtum seiner Felder. Das Getreide reift der Ernte entgegen. Blauer Himmel, Sonnenschein, aber kein froher Sang auf den Feldern, drückendes Schweigen, das unwirklich dünkt. Weder Tier noch Mensch ist zu sehen, aber die Schönheit der Landschaft, der Heimat, dringt tief in unser Bewußtsein ein. Die Wälder sind zusammengeschossen, die Erde durchwühlt durch den Stellungskrieg. Acht Wochen hat die Front hier gehalten, dann brachte der Rückzug dem Feinde den Sieg. 

Grußkarte aus Sorau/Niederlausitz, bis 1945 südöstlicher Teil der preußischen Provinz Brandenburg.
Grußkarte aus Sorau/Niederlausitz, bis 1945 südöstlicher Teil der preußischen Provinz Brandenburg.

Nun nähern wir uns der Stadt des Kreises, die unserer Bahnfahrt letztes Ziel. Kalt weht vom Bahnhof die rote Fahne, wie triumphierend der Feind es will. Wir halten und sind blitzschnell vom Wagen und rollen heimlich den Hang hinab. Geduckt, doch mutig und ohne Zagen, betreten wir die vertraute Stadt. 

Bekannte Gestalten aus guten Tagen schleichen furchtsam die Straßen entlang, erkennen uns, bleiben voll Staunen stehn, ziehen uns mit sich in Sicherheit, die noch manchmal gegeben scheint, wo mutige, tapfere Herzen vereint. Sie teilen mit uns ihr trocken Brot, trotz drohender, naher Hungersnot. Wir fühlen so stark ihre Menschlichkeit, die wach geblieben in all dem Leid. Sie wollen uns helfen, zur Seite stehn, beglückt durch ein unverhofft Wiedersehn. Vielleicht wird die Heimat wieder befreit. Dies Denken stärkt uns und macht bereit, Gefahren, Entbehrungen auf uns zu nehmen. Die Front soll die Heimat nicht beschämen.

Gutsbesitzer Justus Lorenz Hermann Benzler (1894-1957) in seiner Blütezeit auf seinem Gut Laubnitz vor der Vertreibung 1945.
Gutsbesitzer Justus Lorenz Hermann Benzler (1894-1957) in seiner Blütezeit auf seinem Gut Laubnitz vor der Vertreibung 1945.

Wir meiden die Landstraße, auf der die Häscher stehn. Durch die Wälder schleichen wir uns heran. Blaubeeren in nie gesehner Pracht sind unsre Nahrung. Wir rasten am Saume des Waldes und sehen im Sonnenglanz das Dorf vor uns liegen, unser Dorf, unser Glück, Heimat. Wir waten durch Unkraut, das über unsern Häuptern fast zusammenschlägt, wir hocken am Bahndamm, um ungesehen hinüberzuwechseln; wir liegen auf Wacht zwischen den Büschen. Wird es gelingen, unbemerkt heranzukommen? In der Ferne rollt ein Wagen. Man hört das Rattern eines Grasmähers. Ein letzter Entschluß. Das Dorf ist erreicht. 

Grußkarte aus Laubnitz, Kreis Sorau, Niederlausitz, bis 1945 mit rein deutscher Bevölkerung. Seitdem polnisch.
Grußkarte aus Laubnitz, Kreis Sorau, Niederlausitz, bis 1945 mit rein deutscher Bevölkerung. Seitdem polnisch.

Unverändert liegt es vor uns in der Schönheit des strahlenden Sommertages. Da fehlt kein Haus. Friedlich reiht sich Gehöft an Gehöft und dahinter im Schutze der Kirche das Vaterhaus. Wir eilen den Feldweg entlang. Wir kommen zum Garten, unserem Garten. Spargelkraut ist emporgeschossen. Die Erdbeeren sind ein wenig verwildert. An den Himbeeren hängen die letzten Früchte. Nelken duften zu uns herüber. Wir müssen vorbei am Haus, am Hof. Dort stehen Soldaten mit ihren Pferden, vorbei, am Dorf entlang, und am Ende Umkehr und wieder zurück, hinein in ein Dorf —  das kein Leben mehr kennt.

Gutshaus Laubnitz der Familie Benzler, erschaffen von Hermann Benzler (1849-1921) und Anna Benzler geb. Lehmann (1868-1949), bis Februar 1945 in Familienbesitz der Gutsleute Justus und Charlotte Benzler..
Gutshaus Laubnitz der Familie Benzler, erschaffen von Hermann Benzler (1849-1921) und Anna Benzler geb. Lehmann (1868-1949), bis Februar 1945 in Familienbesitz der Gutsleute Justus und Charlotte Benzler..

Es ist still, unheimlich still. Unsere Füße betreten zögernd die Schwelle des Hauses, wo wir ihn zu finden hoffen, den Vogt, den treuen Wächter unseres Hofes. Die Haustür eingeschlagen. Ein Blick ins Innere zeigt uns, daß hier nicht mehr Menschen wohnen. Wir waten in Scherben, Federn und Dreck, begleitet vom Surren unendlicher Fliegen, die auf uns stürzen, als wollten sie uns den Einlaß verwehren. Die Luft ist erfüllt vom Gestank der Verwesung.

Zertrümmert, was einst der Stolz der Bewohner. Wir flüchten ins Freie. Ein Kirschbaum, beladen mit dunklen, süßen Früchten, lädt uns zum Mahl, und wir nehmen, was eine gütige Natur uns versöhnend bietet. Im Nachbarhaus die gleiche Verwüstung. Ein Blick durchs Fenster, und wir wissen, daß denen, die zum Schluß vertrieben, vom Glanz des Lebens nichts geblieben. Stimmen auf der Straße. 

Kirchturm der Gemeinde Laubnitz, die 1939 circa 1.000 deutsche Einwohner hatte, nach 1945 keinen einzige mehr. Heute nennen die Polen den Ort Lubanice.
Kirchturm der Gemeinde Laubnitz, die 1939 circa 1.000 deutsche Einwohner hatte, nach 1945 keinen einzige mehr. Heute nennen die Polen den Ort Lubanice.

Lautlos pirschen wir weiter, umgehen ein bewohntes Gehöft, aus dem fremde Laute zu uns herüber schallen. Eine rotweiße Fahne mahnt uns, vorsichtig zu sein. Die Kirche steht offen. Wir treten ins Innere. Der Altar steht nackt, seiner Schönheit beraubt. Einige Orgelpfeifen sind herausgerissen, der Kronleuchter hängt schief. Im Kirchenstuhl liegt mein Gesangbuch. Ich nehme es an mich und blättere darin, bis eine rote Rose mir entgegenfällt, die einst in Jugendtagen ich hineingelegt. Im Pfarrgarten verberge ich die achtlos weggeworfene Abendmahlschale. Der Friedhof liegt unzerstört. Die Gräber unserer Lieben sind verunkrautet, Gras und wilde Blumen überwuchern die einst sorgsam bepflanzten Hügel, aber der Frieden der Stätte ist gewahrt. Still träumen die Gräber der Auferstehung entgegen.

Wind kommt auf. Unsere Füße zertreten Briefe und Karten, einst sorgsam als Erinnerung gehütet. Der Regen hat manch liebes Wort gelöscht, die Bilder sind verwaschen und zerstreut, gleich Blumen, die am Weg zertreten, lieblos dem Untergang geweiht. Von all den vielen liebgewordenen Dingen, Vermächtnis derer, die vor uns gelebt, sind nur noch Trümmer aufzufinden, zerhackt, verstümmelt, mit Gewalt zerstört, vernichtet alles, was uns hat gehört.

Ein totes Rind verwest am Brunnenrande, der muntre Quell am Troge ist versiegt, unheimlich ächzen offene Scheunentüren in ihren Angeln, wenn der Wind sie biegt. Leer sind die Ställe und beraubt die Böden, kein freundlich Gurren auf dem Taubenschlag, verödet Brennerei und voller Schäden, was fest und sicher dagestanden hat.

Östliches Einfahrtstor in den Hof des Gutes Laubnitz, zur rechten Hand das Gutshaus. Das Gut Laubnitz der Eheleute Justus und Charlotte Benzler hatte eine zu bewirtschaftende Land- und Waldfläche von ca. 250 ha.
Östliches Einfahrtstor in den Hof des Gutes Laubnitz, zur rechten Hand das Gutshaus. Das Gut Laubnitz der Eheleute Justus und Charlotte Benzler hatte eine zu bewirtschaftende Land- und Waldfläche von ca. 250 ha.

Wir gehen ins Haus. Fenster und Türen stehen offen. Verwüstung bis unters Dach. Vieles ist weggeschleppt, aber manches finden wir wieder, was uns zu Bewußtsein bringt, daß wir zuhause sind. Die schöne alte Uhr, dankbar Geschenk an einen unserer Ahnen, der vor 200 Jahren Arzt gewesen ist, ward sinnlos mit der Axt zerschlagen, restlos vernichtet, was ein Meister schuf.

Wir liegen im Garten zur Mittagszeit, erschöpft, doch stets zur Flucht bereit, denn alle Tage, von früh bis spät, der Russe, der Pole plündern geht. So haben wir tagelang uns bemüht, beiseite zu bringen, was übrig blieb von unserer Väter stolzem Besitz. Die Bilder der Ahnen noch unzerstört, verschwanden, mit Federn und Lumpen beschwert, geheimnisvoll unter dem schützenden Dach. Der Pole ergriff uns nicht lange danach. Wir wurden zur Arbeit eingesetzt und wurden von früh bis abends gehetzt, auf eigenem Boden, ohne Erbarmen, das Korn zu ernten und nicht zu erlahmen, trotz Hunger und Schwäche und seelischer Not, gehorsam dem Feinde, der uns gebot. Als sinnlos alles zu werden schien, umsonst war unser heißes Mühn, da sind wir heimlich davon gegangen, haben verlassen, woran wir hangen, was wir erhofften neu zu erstehn, durch mutiges Ausharrn und Vorwärtsgehn.

Das Gutshaus Laubnitz der Familie Benzler im Sommer 2019, halbseitig vergammelt, rechtsseitig mit zwei separaten Wohnungen bewohnt von zwei polnischen Frauen. Der Hof mit Teilen seiner Ländereien wurde vor Jahren von einem Norweger und seiner polnischen Ehefrau vom polnischen Staat gekauft. Im als Wohnhaus umgebauten ehemaligen Pferdestall lebt nun nach dem Tode ihres Mannes die polnische Besitzerin alleine und erfreut sich ihres Daseins in polnischer Umgebung.
Das Gutshaus Laubnitz der Familie Benzler im Sommer 2019, halbseitig vergammelt, rechtsseitig mit zwei separaten Wohnungen bewohnt von zwei polnischen Frauen. Der Hof mit Teilen seiner Ländereien wurde vor Jahren von einem Norweger und seiner polnischen Ehefrau vom polnischen Staat gekauft. Im als Wohnhaus umgebauten ehemaligen Pferdestall lebt nun nach dem Tode ihres Mannes die polnische Besitzerin alleine und erfreut sich ihres Daseins in polnischer Umgebung.

Der Russe hat uns aufgelesen, als unsere Kraft zu Ende ging. Armselig Rauchwerk ist es gewesen, das sein begehrlich Auge einfing. Wir fanden hilfreiche Hände, bereit, mit immer geübter Barmherzigkeit von ihrem Wenigen uns zu geben und fähig zu machen zum weiterleben. Ein russischer Kesselzug fuhr mit uns ins Land. Was Heimat gewesen im Nebel verschwand.



Geborgen (im Johanniterkrankenhaus)

Ein Stückchen Weg noch, dort bis zum Baum,
Ein letztes Ausruhn am Gartenzaun;
Dann, um die Ecke den Berg hinan,
Damit man es endlich sehen kann.
Das Haus, das so unerreichbar schien,
Dort liegt es friedlich im Tannengrün.
Und mühsam bezwingen wir Schritt für Schritt
Der langen Wanderschaft letztes Stück.
Wir treten ein und sind geborgen.
Kein Fragen woher, wohin, was morgen.
Wir gleiten hinein in ein wunschloses Sein.
Wir sind bei Menschen, wir fanden heim.

Wappen der Familie Benzler. Es zeigt drei gestielte, aus einem Punkt hervorgehende grüne Kleeblätter. Es ist in einem großen Fenster der Nikolaikirche in Lemgo als Wappen der Familie Selliger erhalten und wurde wahrscheinlich von Laurentz Bentzler (1598-1658), dem Mann der Elisabeth Sellige (1597-1665), übernommen.
Wappen der Familie Benzler. Es zeigt drei gestielte, aus einem Punkt hervorgehende grüne Kleeblätter. Es ist in einem großen Fenster der Nikolaikirche in Lemgo als Wappen der Familie Selliger erhalten und wurde wahrscheinlich von Laurentz Bentzler (1598-1658), dem Mann der Elisabeth Sellige (1597-1665), übernommen.

Weiteres zu Laubnitz und der von dort stammenden Familie Benzler ist auf https://www.laubnitz.de einzusehen.

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