hartwigbenzler

Warum will Meuthen die Spaltung?

Wahlplakat der CDU aus dem Jahr 1983. Quelle: https://wahl.tagesspiegel.de/2017/zeitreise/1983/cdu-plakat/
Wahlplakat der CDU aus dem Jahr 1983. Quelle: https://wahl.tagesspiegel.de/2017/zeitreise/1983/cdu-plakat/

Der YouTube-Blogger „Schütt, Wolfgang“ hat unserer Meinung nach eine sehr treffende Antwort auf die von Thorsten Weiß im Interview mit Andreas Kalbitz und Roman Reusch (alle AfD) (siehe https://youtu.be/-nWuui8nqVs) gestellte abschließende Frage nach der Motivation des Tuns von Noch-AfD-Ko-Sprecher Jörg Meuthen in der Kommentarspalte des YouTube-Videos des YouTube-Kanals „Für Gerechtigkeit“ posten wollen. Da der Platz für seine Antwort dort nicht ausreicht, veröffentlichen wir sie hier mit seiner Erlaubnis.

„Danke für dieses sehr informative Gespräch. Alle vier Herren wirklich sehr überzeugend. 

Bei der abschließenden Frage hinsichtlich der Motivation von Meuthen & Co., warum sie denn, koste was es wolle, Andreas Kalbitz aus der Partei werfen wollen, hat leider keiner richtig geantwortet, obgleich es doch eigentlich recht einfach ist. 

Also:

  1. Die sieben Gegner von Kalbitz im Bundesvorstand sind allesamt aus dem Westen, dazu noch der „Sachse“ Hütter als achter, der ja ursprünglich auch aus dem Westen kommt und als Petry-Mann ähnlich opportunistisch gestrickt ist wie die anderen sieben.

    Sie alle glauben, der eine mehr, der andere weniger, daß der Flügel, aber eben vor allem Kalbitz und natürlich Höcke, der AfD im Westen durch ihr „Nazi“-Image so sehr schaden, daß das nahezu der alleinige Grund ist, warum die Partei in Schleswig-Holstein aktuell bei 3%, in Hamburg bei 4%, in NRW und Bayern bei 5% stehen und so weiter und so fort.

    Diese Herren - und die eine Dame aus Bayern, die zwar von Politik keine Ahnung hat, aber ihr eigenes privat-geschäftliches Ding im EU-Parlament macht - werden von vielen ihrer westlichen Mitglieder tagtäglich darauf angesprochen, warum sie nicht endlich diese bösen „Nazis“, also den „Himmler“ (= Kalbitz) und den „Hitler“ (= Höcke), aus der Partei werfen, denn dann (!) würden doch die Werte für die AfD wieder nach oben gehen, denn dann (!) wäre man ja das „Nazi“-Image los. Lucke 3.0. O sancta simplicitas.

    Das hört der typische AfD-Westmann tagein, tagaus in der Tagesschau, das liest er im Spiegel, in der SZ, in der FAZ, in der Welt, in der Bild-Zeitung, und deswegen plappert er es den West-AfD-Granden nach. Denn so sind nun mal die meisten Menschen, mindestens zu 95%, wahrscheinlich eher zu 99%.

    Vielleicht noch wichtiger als dieser Anti-Flügel-Druck von der AfD-Mitgliedschaft ist der tagtägliche „Streß“ an den Wahlkampfständen, wenn denn mal welche gemacht werden. Der gewöhnliche westdeutsche BRD-Bürger, der inhaltlich-programmatisch eigentlich die AfD wählen könnte, glaubt eben genauso wie das gewöhnliche West-AfD-Mitglied, was in der Tagesschau, den Tagesthemen, beim ZDF, im WDR, NDR, SWR & Co. über Kalbitz, Höcke und dem Flügel gesagt wird.

    Außerdem ist man im Westen noch so staatshörig, vor allem bei denen, die im Kern „konservativ“ sind, also per Definition staatstreu sind, daß der Verfassungsschutz schon gute Gründe haben wird, warum er den Landesverband Thüringen und den von Brandenburg unter Beobachtung stellt.

    Denn dieser potentielle AfD-Wähler im Westen, der durchschnittlich früher CDU- bzw. CSU-affin war, kann sich aufgrund seines „anständigen“ Wesens grundsätzlich nicht vorstellen, daß auch deutsche Beamte opportunistisch, also zweckorientiert handeln, obgleich das im Grunde ganz banal ist. Denn der Beamte merkt nun mal ganz schnell, was die Vorgabe des politischen Dienstherren ist. Wer möchte von diesen Beamten eine eigene, andere Meinung riskieren und dadurch seinen Pensionsanspruch?

    Viele Westler in der BRD glauben immer noch an den althergebrachten Ethos des deutschen Beamten, den es vielleicht früher mal bis in die 70er/80er Jahre gegeben haben mag, der rein nach Gesetz und Recht seinen Beamtendienst ausübte. Daß das heute, auch wegen der zunehmenden Verausländerung des Beamtencorps, nicht mehr der Fall ist, das geht in den Kopf eines gewöhnlichen westdeutschen Bürgers mehrheitlich nicht rein. Der heutige multikulturell geprägte BRD-Beamte ist nun mal ein anderer als der deutsche Beamte der alten BRD.
  2. Man darf nicht vergessen, daß die politische Feigheit gerade des Westdeutschen weitaus ausgeprägter ist als die des früheren DDR-Bürgers, der im wesentlichen die Ost-AfD prägt. Der West-BRD-Bürger hat im Gegensatz zum DDR-Bürger am eigenen Leibe nicht (!) mitbekommen, was es bedeutet, wenn eine komplette staatstragende Elite, ein ganzer Staat in den Orkus weggespült wird, Stichwort 1989/90.

    Der Westdeutsche kann nicht verstehen, weil er es eben nicht erlebt hat, daß vermeintliche ewige politische „Wahrheiten“, unerschütterliche gesellschaftliche Überzeugungen, die jahrzehntelang auf allen öffentlich rechtlichen Kanälen gesendet wurden und die die große Mehrheit des Staatsvolkes geglaubt haben, von heute auf morgen nichts mehr wert sind.

    Er kann sich auch nicht vorstellen, daß sich dann später öffentlich (!) rausstellen kann, daß früher in seinem Staate vielerorts gelogen und betrogen wurde, daß sich, bezogen auf die DDR, die DDR-Balken nur so gebogen haben.

    Der halbwegs aufgeweckte frühere DDR-Bürger um die 50 aufwärts weiß das. Der entsprechende West-BRDler gleichen Alters weiß das in aller Regel nicht.
  3. Nicht zu vergessen, und womöglich ist das das entscheidende treibende Element, ist der Faktor des Opportunismus und der mehr oder weniger großen Käuflichkeit vieler Politiker. Das gilt nun mal auch für die AfD. Am Beispiel von Jörg Meuthen kann man das schön darstellen.

    Als es ihm vor einigen Jahren noch persönlich nutzte, um seinen Karriereweg in der AfD hinlegen zu können, nachdem ihn Frauke Petry nach dem Ausscheiden von Prof. Bernd Lucke als Professorenersatz in den AfD-Bundesvorstand gehievt hatte, und der gesellschaftliche Druck auf die AfD noch nicht so groß war, daß es einem spürbar schmerzen konnte, da zeigte er sich, wenn auch etwas verwundert, so doch ganz erheitert, beim Flügeltreffen am Kyffhäuser mit Höcke & Co..

    Er sagte nicht nur da, sondern auch in die Kameras der etablierten Medien des Landes Dinge über Kalbitz und Höcke, die er heute komplett vergessen hat. Er, Meuthen, würde seine Hand dafür ins Feuer legen, denn das sei nun mal seine persönliche Erfahrung, daß weder der eine noch der andere ein „Rechtsextremist“ seine. Was für eine Frage!

    Er tat das, weil es ihm half, als Bundessprecher der AfD gewählt, vor allem um wiedergewählt zu werden.

    Doch als dann die Mächtigen dieses Landes merkten, also Angela Merkel aufwärts bis hin zur berühmten Ostküste der USA, die bekanntlich heute selbst gespalten ist, wegen Donald Trump, daß

    a. Björn Höcke wirklich Politik machen kann, siehe die Wahl vom FDP-Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen im Erfurter Landtag,

    und

    b. dank Corona die Werte der AfD automatisch, wie bei allen anderen Oppositionsparteien auch, aber vor allem bei den zuvor massiv medial gehypten Grünen, in den Keller schossen,

    ergriffen diese wirklich Mächtigen der „BRD“ die Gelegenheit beim Schopfe und zogen blank.

    Will sagen: da ganz oben sagte man sich, jetzt oder nie. Eine bessere Gelegenheit, die AfD als authentische patriotische Erneuerungskraft zu zerstören, gibt es nicht. Vielleicht wird sie auch nicht mehr wiederkommen, zumal dann, wenn bei den nächsten Wahlen die AfD im Osten stärkste Kraft werden sollte und dann mit einer umfallenden Union doch die Regierungsgeschäfte übernehmen könnte. Dann wäre die AfD zumindest im Osten durch. Das galt es und gilt es zu verhindern.

    Einem Opportunisten, Karrieristen und eitlen Dabeisein-Wollenden wie Jörg Meuthen konnten diese Leute ganz einfach glauben lassen, jetzt, und nur jetzt, und wahrscheinlich zum letzten Male, bestünde die reale Machtoption, als Anhängsel der Union, sozusagen als FDP 2.0-Ersatz, in der Form des Junior-Partners, in eine echte „bürgerliche“ Koalition in den Bundesländern und vor allem im Bund einzusteigen.

    Die Karotte, die Meuthen und den anderen Meuthisten (Pazderski, von Storch, Wolf, Paul, Dieter Stein & Co.) hingehalten wurde, vor allem aus den Union- bzw. WerteUnion-Kreisen, war und ist ganz einfach die gesellschaftliche Wichtigkeit. Der Ministerposten, die dicke Limousinen, die fette Diät, die Einladung zu vermeintlich wichtigen politischen Fernsehsendungen, für einen Dieter Stein die zum WDR/Phoenix-Presseclub.

    Das war schon bei Lucke und Petry der Hebel, nun ist er es bei Meuthen & Co. wieder. 

Für diese angestrebte Möglichkeit, dabei zu sein, ziehen eben Meuthen & Co. durch, und wollen nun final die mißliebigen Parteikollegen aus dem Osten rausschmeißen, zumal im Westen der Republik die „Flügler“ mehrheitlich unterrepräsentiert sind und, das muß man zugeben, in nicht wenigen Fällen nicht gerade die hellsten Leuchten und die gesellschaftlich präsentabelsten Personen sind. 

Also viele Akademiker, Doktoren, Professoren, Unternehmer, Ärzte, Apotheker, Steuerberater oder leitende Angestellte findet man im Westen beim Flügel eher selten, ganz zu schweigen von Künstlern, Kirchenleuten, Beamten, Schauspielern oder anderen gesellschaftlich relevanten Berufsgruppen. 

Der durchschnittliche AfD-Flügelmann im Westen entstammt im Regelfall eher dem unteren Drittel der Sozialskala der BRD, einige vielleicht noch aus dem mittleren Segment, aber aus dem oberen Drittel der „Gesellschaft“ im Grunde niemand. 

Das war bekanntlich unter Lucke, Henkel, Starbatty, Kruse, Adam & Co. noch ganz anders, da war man tatsächlich eine gesellschaftlich halbwegs geachtete „Professoren-Partei“. 

Das ist heute, sieben Jahre später, wahrlich nicht mehr so. Für Meuthen ist das seelisch ganz schlimm, denn er sonnt sich, da nur FH-Professor, gerne im Glanze tatsächlich wichtiger Professoren und vermeintlich wichtiger BRD- und EU-Polit- und Mediengrößen.

Die heutige AfD Version 2020 ist, vor allem dank der Erfolge auf dem Gebiet der ex-DDR, zu einer mehrheitlichen Arbeiter-, Arbeitslosen-, Kleinbeamten- und Facharbeiter-Partei mutiert, wo das Patriotische eine viel größere Bedeutung gewonnen hat als zu den Anfängen der AfD. 

Für die Ursprungs-AfD von Lucke, Petry & Co. hatten Volk, Heimat und Vaterland, trotz aller propagierten Werbeprospekte, im Kern sehr wenig wenn eigentlich keine Bedeutung. 

Der damaligen AfD 1.0 ging es im wesentlichen um Wirtschaft, um Finanzen, vielleicht auch um Bildung, um Infrastruktur, also um seelenloses, nüchternes Volkswirtschaftliches, mehr nicht. 

Man wollte wohl die gute alte CDU der 80er/90er sein, also die CDU von Kohl, um so, wie auch immer, in die BRD der 80er Jahre zurückspringen zu können, ohne diese komischen, krawalligen DDRler, mit schöner Westbindung, der EG, der Deutschen Mark, der Deutschland AG, der schönen heilen Welt von damals. 

Das, was Höcke, Kalbitz, Kubitschek & Co. wollen, also der Flügel und viele „Ostdeutschen“, ist selbstredend viel umfassender. Das ist eben ein gefühlter Rücksprung auf ein tatsächliches oder vielleicht auch nur imaginiertes Deutschland von vor Hunderten von Jahren, aber mit heutiger moderner Technologie, als Deutschland ein deutsches Land war, das mehrheitlich, also zu über 95%, wirklich deutsch, also ethnisch „weiß“ und abstammungstechnisch „deutsch“ war, es keinen NS-Schuldkult alias deutschen Selbsthaß gab, als, wie im Zweiten Deutschen Reich unter Bismarck, das Deutsch ein Gütezeichen schlechthin in der Welt war. 

Heutzutage ist weltweit das schlimmste Schimpfwort „Nazi“ alias „Rassist“ alias „Antisemit“, und der ist nun mal, wegen Adolf Hitler, mit dem Deutschen unwiderruflich verknüpft. Adolf Hitler durchdringt 75 Jahre nach seinem Tode immer noch das Deutschsein, weltweit, im Grunde so stark wie noch nie zuvor. Wer das nicht sehen kann, der ist entweder dumm oder unredlich. 

Für Höcke & Co. definiert sich aber das Deutschsein nicht mit Adolf Hitler, sondern es überspringt ihn und greift viel weiter zurück, eben die berühmten „1.000 Jahre“, genauer gesagt sogar Tausende Jahre. 

Die BRD- (und West-Medien) versuchen das natürlich zu verdecken und hauen dem BRD-Bürger ständig die “Nazi”-Keule um die Ohren, damit dieser eben glaube, Höcke sei tatsächlich die Wiederkehr von Hitler und Kalbitz tatsächlich die Wiederauferstehung von Himmler. 

An vorderster Stelle machte das die Bild-Zeitung, unmittelbar gefolgt vom ZDF, dann ebenso dicht der WDR, der NDR, der Spiegel, die taz und wie sie alle heißen. Leider, das gilt es einfach festzuhalten, glauben das noch sehr sehr viele deutsche Bundesbürger im Westen. Und eben sehr viele in der West-AfD und einige in der Ost-AfD.

Der im wesentlichen vom Flügel gelebte altdeutsche Traum eines souveränen, starken und selbstbewußten Deutschlands, zwar flächenmäßig verkleinert durch die Geschehnisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, aber immerhin durch die Zusammenlegung der BRD und der DDR zu einer östlich vergrößerten BRD gewachsen, dieser Traum ist vielen West-AfDlern vollkommen fremd. 

Sie haben sich in der kulturell von den USA, von Hollywood und McDonald‘s geformten West-BRD wohlig eingerichtet. Auch die EU ist zwar irgendwie ärgerlich, gehört sicherlich ein wenig reformiert, aber sie ist nun mal nicht mehr zu ändern. Als „Realpolitiker“ hat man das als politisches Faktum hinzunehmen. Punkt. Absatz.

Wie gesagt: Meuthen & Co. wollen gesellschaftlich-politisch gesehen zurück in die vermeintlich guten 80er Jahre der BRD, mehr nicht. 

Höcke, Kalbitz & Co. wollen etwas ganz anderes. Ein neues Deutschland Version 2020, das sich seiner vielfältigen, zumeist von fremden Mächten auferlegten Altlasten vollständig entledigt hat und ohne Wenn und Aber im Herzen Europas für seine eigenen deutschen Interessen einsteht. Verkürzt gesagt eine großdeutsche Schweiz, nur auf deutsch. 

Meuthen, von Storch & Co. wollen also die BRD, wie sie bisher war, nur bissl aufgefrischt. Der kleine Wurf.

Höcke, Kalbitz & Co., wahrscheinlich auch Gauland, wollen Deutschland, mit einem großen D. Der große Wurf.

Weil die Kleinwerfer nicht Großwerfer sein können und deshalb es auch nicht wollen, aber nun mal die pekuniären Vorteile des Dabeiseins nutzen wollen, und diese von den etablierten Kräften der BRD angeboten bekommen, wollen sie nun die AfD-Großwerfer aus dem Rennen schießen, koste es, was es wolle.

Das, ganz grob skizziert, wäre wohl die Antwort auf die abschließende Frage von Thorsten Weiß gewesen, was denn die Motivation von Meuthen & Co. für ihr Handeln sein könnte. Wir glauben, wir liegen nicht ganz daneben.

Ende.“

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